30 Jan

Ana Gropp-Kondic // Als mein Herz entzwei brach, warst du nicht zugegen // 31.01.-12.02.2015

Als mein Herz entzwei brach

 

Künstler:     Ana Gropp – Kondic

Vernissage:     31.01.2015 um 19:00 Uhr

Dauer:     31.01. – 12.02.2015

Die Galerie Display präsentiert in dieser Ausstellung, die inhaltlich und formal aussergewöhnlichen Zeichnungen der 1982 in Banja Luka (Bosnien und Herzegowina) geborenen Künstlerin Ana Gropp-Kondic. Erst im September 2014 schloss sie ihr Studium an der Freien Akademie der bildenden Künste (fadbk) Essen mit dem Akademiebrief und dem Meisterschülertitel ab und erhielt dort bereits früh einen der Essener Förderpreise der fadbk.

In den intensiven Darstellungen zeichnet die Künstlerin autobiographisch ihre eigene Gefühlswelt. Mit Motiven der Selbstverstümmelung, der Verletzung, des Ausblutens, der aufgerissenen Kehlen offenbart sie sich schonungslos. Ihre Ängste, ihre Selbstzweifel und ihre Sprachlosigkeit.

Dabei ist das formale Vorgehen der Künstlerin in ihrem Werkprozess zu Beginn ein Leises und Vorsichtiges. In einem Raum der Stille und Konzentration, nimmt sie zunächst fast zaghaft die innere Stimme ihrer Seele auf und zeichnet deren Bilder ungefiltert mit Bleistift vor, um umso energischer mit dem Fineliner die Konturen der Körper, Muster und Symbole von der weissen Umwelt abzugrenzen. So formt sie ihr Innerstes aus, sie formuliert sich. Dramatisch wird die Verzweiflung der Protagonistin inszeniert; sie hebt sich ab von Strukturen der Ordnung wie Blümchensesseln, Schraffuren der Bodenfliesen, Wandteppichen, Topfblumen und anderen heimatschaffenden bürgerlichen Emblemen. Rund um die Hauptfigur setzt die Künstlerin Kürzel ein, wie die Messer, die auf die Verletzlichkeit verweisen oder den weissen Apfel, der die Sehnsucht symbolisiert, während der ausgemalte schwarze Apfel für die Abwesenheit der Sehnsucht steht. Ein Motiv, das sie dem Märchen die Schöne und das Biest entnommen hat. Ab und an taucht eine seltsame kleine geschlechtsneutrale Gestalt auf. Sie entspricht figürlich dem Kindchenschema und beobachtet unschuldig, neugierig die Szenerie.

Ana Gropp-Kondic wird in ihren Arbeitsprozess wesentlich von dem Zitat Friedrich Nitzsches „Heute Nachmittag gehe ich mich besuchen, mal sehen ob ich zu Hause bin.“ begleitet. Dieses sich besuchend Suchende, beschattet von der ständigen Ungewissheit, sich tatsächlich zu finden, zu fühlen, auszudrücken ist eines der Hauptthemen ihrer Arbeiten. Gleichzeitig liegt hierin eine der Wurzeln ihrer Biographie. Geprägt von kindlichen Kriegserlebnissen, früher Emigration, sehr schwieriger Immigration als Kriegsflüchtling und alleine mit einer noch jungen Mutter. Es herrscht der Überlebenskampf vor; es bleibt kaum Raum für die Gefühle eines jungen pubertierenden Mädchens und einer erwachenden, erwachsen werdenden jungen Frau, geschweige denn gar die Möglichkeit, über Ängste, über Verlust zu sprechen. Fern der Muttersprache kann sich so ein Mensch in der Sprachlosigkeit und in der Isolation verlieren, er kann sich nicht mehr verorten.

Mit dem Zeichnen brechen sich die Gefühle Bahn, die Seele findet sich, sie wird angesehen, betrachtet. Erst durch die Kommunikation über die Bildinhalte ist ein „Sich Zeigen“ möglich. Endlich gelingt der Austausch über das ganz eigene Wesentliche. Endlich sitzt die junge Frau in ihrer Ganzheit vor den aufgereihten durchgeschnittenen Kehlen, der am Schlachterhaken hängenden Anas vergangener Tage. Endlich spürt sie den Schmerz der Trennung von sich selbst in den abgehackten Gliedmaßen. Endlich darf sie bluten, endlich muss sie sich nicht mehr verstecken, darf sie ihren Gefühlen freien Lauf lassen. Die Künstlerin selbst bezeichnet das Bluten als einen Akt des Reinwaschens.

Vor diesem Hintergrund werden die eher düsteren dramatischen Bildinhalte zu einem grossen Wurf ins lebendige Sein. Wenn sie aus ihrem ganzen Herzen heraus die Ängste, Verzweiflung und Trauer zeichnen und vorzeigen kann, ist ein Du zugegen. Wenn wir genauer hinschauen, kann es gelingen, dass ein abgespaltenes Du wieder hereingenommen wird in ein hoch begabtes Herz. Ein Thematik, die angesichts der momentanen Flüchtlingsdramatik aktueller nicht sein könnte.

Bei Ana Gropp-Kondic sehen wir, wie sich eine zwingend innere Notwendigkeit mit ausgeprägter Kreativität und einem außerordentlichen zeichnerischen Talent paart. So wird grosse Kunst möglich.

Text: Martina Schleppinghoff

16 Jan

Ferdinand Vogel // Faces & Visions // 17.01. – 30.01.2015

2016-01-17 14.11.05

 

Künstler:     Ferdinand Vogel

Vernissage:     17.01.2015 um 19:00 Uhr

Dauer:     17.01. – 30.01.2015

Ferdinand Vogel ist ein Künstler, der aus der klassischen Malerei kommt. So sind ihm die Darstellungen der Moderne, sich mit dem Menschenbild und der menschlichen Figur der Nachkriegskunst auseinanderzusetzen, zutiefst vertraut. Als Ausdruck des Gefühles der Entfremdung und Angst treffen wir in der Malerei des Nachkriegseuropas, hier vor allem in der Malerei Francis Bacons, bereits auf das Phänomen der Fragmentierung des Körpers.

Dieses Phänomen der Fragmentierung von Gesichtern ist eines der vorherrschenden Motive in den Exponaten Ferdinand Vogels. Inspiriert durch die Filme Claude Chabrols finden seine Arbeiten ihren Ausgangspunkt in den Gesichtern der Filme des Nouvelle Vague, die durch ihren Schwarzweiß-Kontrast dominieren. Licht spielt aufgrund der Entwicklung kleinerer lichtempfindlicher Handkameras neben Individualität und Persönlichkeit der Figuren eine große Rolle in den Filmen der 50er und 60er Jahre.

Diese Portraits überträgt Ferdinand Vogel ausgehend von analog gezeichneten Skizzen in Zeichenprogramme. So entwickelt er aus den vorab skizzierten Formen und Farbgerüsten mittels computergestützter Malerei digital abstrakte Bilder, die auf vielen Ebenen Transparenz und Farbtiefen erzeugen, welche mit analogen Maltechniken nicht möglich wären. Diese Techniken ermöglichen dem Künstler, dass sich in einem ständigen Wechselspiel von Zeichenprogramm, Zufall und Kontrolle das Unterbewusste in höchster Bewusstheit entwickelt, verändert und neu kombiniert wird.

So wird ein zunächst realistisches Bild, hier ein Portrait, durch digitale Mittel manipuliert, teilweise zerstörend fragmentiert, um es schlussendlich umfassender und komplexer werden zu lassen. Torsohafte Bruchstücke , die aus der imaginären Einheit eines Gesichtes herausfallen, wirken auf den Betrachter irritierend. Die kühle Rationalität der Konturen lässt das Augenmerk des Betrachters wandern zwischen solchen Bildteilen, in denen sich alles zerstört und verliert und solchen, in denen das Auge wieder Licht und Bekanntes erkennen kann. Das Sehen spannt sich von den Zentren um Auge, Nase und Mund zu den geometrischen Konstrukten des Kopfes, die sich auch mal in einer schwarzen Leere verlieren. Dieses amorph Abgründige, in Szene gesetzt gegenüber kalkuliert konstruierter plastischer Schönheit, trifft den Nerv des empfindsamen Betrachters.

Text: Martina Schleppinghof

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