15 Apr

Dilberay Köle – “Scheinbare Welt” – 07.05. – 01.06.2016

Köle, Dilberay, vorne

 

Vernissage:     07.05.2016 um 19:00 Uhr

Finissage:        01.06.2016 um 19:00 Uhr

Dauer:             07.05.2016 – 01.06.2016

 

Scheinbare Welt

Dilberay Köles Bilder leben. Sie leben, obwohl keine Lebenden Wesen auf ihnen zu finden sind. Sie leben dennoch: auf eine ihnen ganz eigene Weise. Denn „die sichtbare Welt ist … immer nur Material“. Was auf den ersten Blick realistisch zu sein scheint, entpuppt sich als Interpretation von Farben und Objekten. Solche Interpretation bringt das Leben in zunächst entkernte Szenen, deren Essenz Dilberay Köle in ihren Arbeiten zum Ausdruck bringt.

Beginnen wir mit dem Blickwinkel. Möglicherweise könnte der spontane Eindruck des Betrachters suggerieren, dem Gemalten läge eine Fotografie zugrunde. Doch Dilberay Köle nutzt kein fotografiertes Material. Es ist ihre Fähigkeit die wahrgenommene Welt in Szenen zu sehen, segmentiert wie im Blick durch den Sucher einer Kamera, welcher den abgebildeten Ausschnitt, Proportionen und Gewichte statuiert. In dieser Art des Sehens werden sogar Veränderungen aufgenommen, wie sie sich beim Wechsel zwischen verschiedenen Brennweiten zeigen. So kann in einer Szene die perspektivische Verdichtung eines gedachten Teleobjektivs die Bildkomposition prägen, während in einer anderen Szene Weitwinkel-typische Verkrümmungen dem Bild ihren Stempel aufdrücken.

Doch im Unterschied zur Arbeit mit einer Kamera erlaubt es Dilberay Köles Blick für Bildkomposition, das Gesehene zu konzentrieren, Bildelemente durch formale und farbliche Akzentuierung zum Anker für das Auge des Betrachters werden zu lassen, zu einem Ruhepunkt, um den herum die vibrierende Dynamik subtil, aber intensiv wirbelnder Modulationen die Energien des Gesehenen zum Erleben hin transzendiert. So erblühen Objekte in Dilberay Köles Bildern in der Befreiung des Gemalten von der Abbildung zum einem seiner äußeren Funktion entkleidetem Träger von wirkender Wirklichkeit.

Der Weg zu ihren teils großformatigen Werken führt über verschiedene Vorstufen: Auf einem Skizzenblock hält Dilberay Köle die erste Idee als Kohlezeichnung fest. Form, Akzente, Räume, Licht-Schatten-Beziehung kommen in diesen kraftvollen Skizzen bereits prägnant zum Ausdruck. Im zweiten Schritt notiert sie in einer ebenfalls kleinformatigen Farbskizze Lichtstimmung und Grundfarbigkeit. Eine Kamera benutzt sie für hierzu lediglich in wenigen Sonderfällen, wenn es die Zeit nicht erlaubt, einen Lichtcharakter malerisch festzuhalten. Sie würde das Motiv zu einer Abbildung verdinglichen.

Ohne technische Hilfsmittel überträgt die Künstlerin dann im Atelier das Skizzierte auf die große Leinwand. In ihrer Farbwahl geht sie dabei zunächst von einer stark reduzierten Basispalette aus, in der sie jedem der bildbestimmenden Grundtöne nur wenige Helligkeitsvarianten zuordnet. Diese teils durch gebrochene Konturelemente gegliederte klare Flächigkeit wird beim Wachstum des Bildes mehr und mehr überspielt durch eine Fühle sehr nah verwandter Varianten des Grundfarbgerüstes, die im engmaschigen Geflecht dichter Pinselstrichgewebe das Gemalte pulsieren lassen. Die Pinselführung auf dieser Detailebene entfaltet sich frei von Grenzen der einstmals impulsgebenden Objekte, führt sogar über die Grenze des Tafelbildes hinaus. Es ist  eine Auraschicht, die das Bild in Dimensionen jenseits der Sichtbarkeit führt.

Die Künstlerin benennt in ihrer Masterarbeit Anliegen ihres malerischen Vorgehens: „Wie viele andere Künstler helfen mir die Eindrücke der Welt bei meiner Arbeit. Im Grunde zieht es mich zu den Eindrücken. Wir alle wissen, was Dinge und Sachen sind, ihre Formen, ihre Funktionen und Aufgaben. Ich nehme Teile von diesen Dingen und biete sie dem Beobachter. Aber diese Sachen leben auf meiner Leinwand mit ihrer Art, Form, Farbe und Kälte oder Wärme in einem anderen Bereich weiter.“ Sie reflektiert die Themen Dasein, Schönheit, Wahrheit in ihren Beziehungen zueinander, stellt sich in ihrer Malerei der Fragestellung: „Ich nähere mich mit meinem Körper dem Sichtbaren und berühre es. Aber man kann nicht wissen, wie ein Geist ein Bild produzieren würde.“

Dilberay Köle erlaubt sich beim Malen, die Materialisierung philosophischen Hinterfragens mit Pinselführung und Farbe wie gechannelt umzusetzen: Sie gibt sich einem Zustand des im Fluss Seins hin, der ihr in einem ganzheitlichen Verstehen in jedem Moment des schöpferischen Prozesses die Verbindung von wie gescribbelt aufbrechenden Details zur Großkomposition vorbewusst aufzeigt und die Hand führt. Zum Verstehen ihrer Wahrheit, die uns die Künstlerin uns in ihren Gemälden schenkt.

 

 

©2016 Text: Klaus Damm

 

01 Apr

Heidrun Pfalzgraf & Tony Strnad / von Innen – nach Außen / 02.04. – 04.05.2016

Pfalzgraf & Strnad

 

Vernissage:     02.04.2016 um 19:00 Uhr

Finissage:        04.05.2016 um 19:00 Uhr

Dauer:             02.04.2016 – 04.05.2016

 

Heidrun Pfalzgraf

Vibrierende Zwischenwelten,
Botschaften aus dem Schwarm.

Es entsteht wie von selbst. Die Leere Fläche beginnt zu vibrieren, Linien formen sich, wachsen ineinander, überlagern sich, werden verdeckt, brechen erneut hervor, werden mit wachsenden weiteren Liniengeflechten durchzogen – und mehr und mehr zeigt sich das Gebilde aus Leben, Freude, Tiefe, Ahnung.
Chiffren bilden Haltepunkte: Spitze Ovale, leicht geneigt. Sie mutieren zu Augen fremder Wesenheiten, die Dir etwas mitzuteilen wünschen, in einer Diktion, die sich nur im darauf Einlassen erschließt, in Hingabe an das Vertrauen gehalten zu sein – auch in diesem Fremden und doch vorbewusst Erkannten.
Manche Ovale öffnen sich weiter, reißen Öffnungen in die umgebenden Linienwolken: Wie eine Lupe legen sie den pointierten Blick frei in noch tiefere Welten. Diese manchmal zeichnerisch angedeutet als kleine Figurinen in Interaktion – aufrufend, hinzuschauen und die Essenz ihres magischen Tuns in sich aufzunehmen, ohne Wenn und Aber zu verstehen: „Ja, so ist es“.
Einige solcher in die Lupe eingebundener Zeichnungsgebilde zeigen sich wie Schriftzeichen in einer Verbindung von Keilschrift und Runen. Auch sie scheinen Botschaften übermitteln zu wollen, fast verwundert über die Enge in der Wahrnehmung des Betrachtenden.
Manchmal entwickeln sich in den Lupen-Fenstern eingebettete weitere Blickkanäle, vielleicht oval, teils in Richtung Trapez aufgedehnt, darin weitere Schätze: gezeichnet oder als Edelsteine aus großzügigen Farbkneuel-Miniaturen. Noch eine Zwischenwelt tiefer. Wiederum berührend, mit einem nie gehörten Klang.
Andere Ovale zeigen sich eher sinnlich weich geöffnet. Metamorphosen des weiblichen Geschlechts: empfangend oder auch Leben schenkend, Bild immer wieder erschaffenden Seins. Immer da.
Manche der leuchtenden Linien lassen Wasserwesen entstehen. In Ambiguität changierend zwischen länglich ovalen Körpern mit Kopfaugen darüber und gleichzeitig als Gruppe von Tentakeln, welche sich an die übergeordnete Wesensform organisch anbetten, die – in Teilen im Oval verharrend – sich in Polygonen erweitert, jederzeit bereit, im Fluss zu neuer Gestalt zu werden. Auf dass sie endlich erkannt werden möge.
Solche Prozesse formen sich in einigen Bildern zu Organoiden, die als formwandlerisches Raumschiff gesehen werden wollen. In Kammern gegliedert, reich gefüllt mit freudig üppigen Energiechiffren. Angedockt daran Tentakeln wie Strahlen für Vortrieb. Derartige Transponder tauchen immer wieder auf, in unterschiedlicher Konkretisierung: Manchmal nur in wenigen hingeworfenen Strichen angedeutet, fast schon der Wahrnehmung entflohen, manchmal in nachdrücklicher Präsenz.
Wie in einer Symbiose aus Vexierbild und Kaleidoskop verbinden sich die vielen vibrierenden Gebilde zu Schwarmwesen, sich immer wieder zu neuen Ganzheiten verdichtend, welche sich beim Betrachten für Momente zu erkennen geben, um im nächsten Augenblick einer anderen Gestaltbildung in der Wahrnehmung zu weichen. Derart zeigen sich Kopfkörperandeutungen, die Tier-, Mensch-, Dämon- und Feengestalt ineinander vereinen. Immer wieder durchzogen von vielformigen Augen und Gebilden, die aus der scheinbar greifbaren Anmutung hinaus in eine wieder andere Zwischenwelt führen.
Für mich faszinierend, wie solche Komplexität zu einer wunderbaren Ordnung sich fügt, Tiefe und Spiritualität, Erkennen und Leben vereinend. Sie schenkt den Impuls, mit der in dieser Kunst erlebbaren reichen Seinsliebe in Resonanz zu gehen, sie auch in sich selbst zu erlauben.

www.heidrun-pfalzgraf.de


©2016 Text: Klaus Damm

Tony Strnad

Die perfekte Form. Sieben Portale zum Selbst

„Die perfekte Form ist die, die man nicht erklären muss, sondern die in sich selbst gründet in den Proportionen“. Ein Geheimnis von Tony Strnads Kunst ist das Wirken der perfekten Form. Perfekte Form als Gleichnis. Gleichnis von Seelenräumen, die ihre Form finden.
Tony Strnads Seelenräume laden denjenigen ein, der sich auf sie einlassen will, sich in ihnen zu finden. Ein irrisierendes Spiel zwischen Vertrautem und Unbekannten erlaubt einen Impuls, sich in das Wechselspiel zwischen Erlebtem und Träumen zu begeben. Sehen wird Türöffner zu einem Spiegel des eigenen Innen.
Wie entsteht die Einladung dorthin? Vielleicht schauen wir zunächst noch einmal auf „die perfekte Form“ in Tony Strnads Arbeiten, entdecken Dimensionen: Zunächst scheinen da klare Proportionen zu sein, die ein geometrisches Gerüst des Raums erzeugen. Gitter aus mehreren Quadern – oft würfelförmig – deuten an, Grenzen abzustecken. Darin verschachtelt weitere Quader. Auch deren Proportionen auf einer tieferen Ebene stimmig und irritierend zugleich.
Im zweiten Blick entschlüsselt sich die Öffnung in das Vorbewusste: Scheinbar Senkrechtes grenzt sich subtil sanft von der klinisch geometrisch gedachten Form ab. Gitter aus zunächst gleichlang erscheinenden Stabelementen, wie selbstverständlich nebeneinander gereiht, stellen sich als Gebilde unterschiedlicher Längen, ausbalanciert versetzt, dar. Die resultierenden Formen vibrieren in dem frei gewordenen Inneren Raum zwischen geometrisch Zurechtgedachtem und der Freiheit aus den sich als Halt anbietenden atmenden Entfernungen zu der Geometrie der Räume. Hieraus entsteht das erste Portal zum Sich Einlassen.
Eine Dimension weiter nach außen: Die Quader-Montagen in mehreren Ebenen vervollständigen sich im Inneren Auge des Betrachters zu vollständigen Gebilden – doch in der physischen Präsenz der Gitterformen entfallen strukturgebende Linien. Die Räume öffnen sich auf eine zauberhafte Weise, erlauben so, sie zu betreten und sich eine Sicht aus ihrem Inneren anzueignen. Das zweite Portal zum Sich Einlassen.
In dem Gitterraum dann Flächen, teils als Grundflächen, teils verhängend, dadurch Blicke leitend auf Bereiche, die sich aus dem Verdecktsein heraus entdecken lassen. Das dritte Portal gründet im Aufgehoben sein, das die Neugier auf das Unbekannte schützt.
Auf den Flächen: Menschen als Miniaturen. Aus dem Leben gegriffen, unmittelbar zuzuordnen als der Bauer, die Einkaufende, der Mönch, die Verführerin, der Bettler. Sie stehen, sitzen, laufen in eingefrorenen Momentaufnahmen. In Gruppen und doch zumeist auf sich bezogen, nur selten in Kommunikation. Oft voneinander getrennt durch Entfernung aus unterschiedlichen Räumen im gestaltformenden Gitter, durch weit abgegrenzt liegende Ebenen. Die Geschichten dazu entstehen wiederum im Seelenraum des Betrachters: Das vierte Portal.
Auch bei den Figuren des Menschseins wird eine weitere Dimension erst im zweiten bewusstem Blick gegenwärtig: Diese Menschen befinden sich in gigantischen Raumwelten. Transponiert auf Lebensgröße der Figuren würden die umgebenden Quader 10 bis 18 Meter Höhe ausmachen. Die Gitterkompositionen schaffen überdimensionierte Raumwirklichkeiten. Jede Figur darin wie gefangen in der Möglichkeit zur Freiheit durch Weite. Das fünfte Portal zum sich Einlassen auf die Entgrenzung im Finden des eigenen Seelenraums.
Tony Strnads leuchtet die oft plan und ohne Trägerplatte an der Wand befestigten Skulpturen mit hart gesetztem Licht aus. Die Schattenwürfe daraus verbinden sich mit den physischen Elementen beim Betrachten zu einer auf den ersten Blick flächigen grafischen Gesamtkomposition, die je nach Blickwinkel variiert. In der Irritation des Raumes entsteht das sechste Portal.
Eine Spur zu den Inneren Resonanzräumen legt Tony Strnad mit den Titeln seiner Arbeiten, als Angebot, die Fährte in ein Geheimnis aufzunehmen, das im Betrachter immer schon da war, dem die Skulptur eine Projek­tionsfläche öffnet. Das siebte Portal zum Sich Einlassen.
Die Verdichtung auf diesen Weg entsteht auch aus der „Kunst des Weglassens“. Daher endet auch dieser Text – ohne Biografisches – als Angebot, Fährten im Werk Tony Strnads aufzunehmen und ihnen zu folgen.

www.objektraum-art.de

©2016 Text: Klaus Damm

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