10 Feb

Reinhold Adscheid / Transpositionen / 20.02. – 09.03.2016

adscheid februar front

Vernissage:     20.02.2016 um 19:00 Uhr

Finissage:     09.03.2016 um 19:00 Uhr

Dauer:     20.02. – 09.03.2016

Die vierte Dimension
Unfotografierbare Ansichten aus fotografierter Zeit
„Wie sähe die Welt aus, wenn wir sie aus verschiedenen Positionen in Zeit und/oder Raum gleichzeitig sehen könnten?“
Reinhold Adscheid beantwortet diese Frage mit einer Gestaltungssprache, die den Betrachter in eine „vier-dimensionale Raum-Zeit-Blase“ führt: Nicht die Abbildung eines räumlichen Objektes zu einem bestimmten Zeitpunkt wird in seinem Schaffen zum Kunstwerk. Sondern die Zeiterfahrung in der dynamischen Integration wechselnder Perspektiven des Objektes, dichte Zeitstreifen, die – zu einem virtuell-realen Irrgarten verbunden – den Betrachter einen Weg zu seinem Erleben finden lassen.
Es sind keine poetischen Bilder, auch keine Bilder, die Geschichten erzählen, sondern es sind Erlebnisräume, die in ihren Zeitsprüngen Räume schaffen, welche die Menschen dazu öffnen, sich ihrer eigenen Geschichten bewusst zu werden und von diesen zu erzählen.
In Reinhold Adscheids Werk fließt philosophische Reflektion ebenso ein wie sein Hintergrund als promovierter Teilchenphysiker, der sich bereits als Jugendlicher mit der speziellen Relativitätstheorie auseinandersetzte. Eine Vielheit von Gleichzeit-Zuständen aus unterschiedlichen Perspektiven ist für die meisten Menschen unvorstellbar: Wie kann ich beispielsweise einen Baum von vorne und von hinten gleichzeitig sehen? Dennoch bewerte ich vor meinem Bildungshintergrund Wahrgenommenes, als ob solche Gleichzeitigkeit möglich sei: „Welchen Einfluss hat dieser Bildungshintergrund beim Betrachten der Realität?“
Reinhold Adscheid pointiert diese Fragestellung in seinen aktuellen Serien über das Bildgeschehen hinaus auch im Umgang mit Wortgebilden. „Hasna-Hohhcuas“ als eine vieler möglicher Buchstaben-Permutationen: Welche Entfernung meines Bildungshintergrundes zu dem Begriff braucht es, um daraus nicht die Urform zu denken, sondern irritiert nur eine semantisch nicht besetzte Buchstabenfolge zu erkennen? Warum kann ich Dinge erkennen, obwohl sie bildlich wie textuell so sehr „verzerrt“ sind. „Wenn ich also diesen Text zu einer ‚richtigen‘ Schreibweise erkennen kann, wenn ich also dieses verzerrte Bild des Hauses zu dem Hansa-Hochhaus machen kann, warum stelle ich nicht gleich in Frage, ob das Haus denn wirklich so aussieht, wie ich es ‚sehe‘?“. Was letztlich zu der Frage führt, ob wir Menschen überhaupt die ‚wahre‘ Realität der Dinge ‚wahrnehmen‘.
Kommen wir noch einmal auf die bildnerische Sprache zurück: Ein gestalterischer Ausgangspunkt Reinhold Adscheids war – bereits zu Zeiten der Analog-Fotografie und Labor-Belichtung – das Zusammenfügen mehrerer sich erweiternder Aufnahmen zu Panoramen. Bei dieser Herangehensweise bleibt der Fotografierende an einer Position und ändert stufenweise seine Blickrichtung. Reinhold Adscheid hatte den Impuls, diesen Ansatz zu invertieren: Was entsteht, wenn ich ein Objekt in gleichmäßigem Abstand kreisförmig fotografierend umschreite, die entstehenden Bilder zu einem zusammenfüge. Dabei erfasse ich über die Ortsveränderung hinaus auch die Zeit, die zwischen den einzelnen Aufnahmen liegt.
Später erweiterte er die Bewegungsabläufe, bewegte sich schnell oder langsam auf einer gedachten Linie parallel zum Objekt. Oder er näherte sich dem Objekt schrittweise zwischen den Einzelbildern, wodurch unterschiedliche Perspektiven erfasst werden.
Für die Mehrfachbelichtung der Einzelbildserien zu einer Gesamtgestalt entwickelte Reinhold Adscheid eigene Prozesse, die es ihm trotz der vielfachen Überlagerung ermöglichen, die Farbtiefe und Leuchtkraft in einer Ausprägung zu erreichen, die seinen Vorstellungen entspricht.
So erreicht Reinhold Adscheid eine hohe formale Komplexität in der Tiefenstruktur, die dennoch durch unmittelbare ästhetischen Oberflächengestalt mit gestalterischen Schönheit den Betrachter bereits auf den ersten Blick gewinnt und ihm in ihrer philosophischen Tiefe zu einer Sichtweise auf sein Sein in der Zeit leitet.
www.reinhold-adscheid.de

Text: ©2016 Klaus Damm

27 Feb

Reinhold Adscheid // Nachtschwärmer // 28.02. – 13.03.2015

Nachtschwärmer

 

Künstler:     Reinhold Adscheid

Vernissage:     28.02.2015 um 19:00 Uhr

Dauer:     28.02. – 13.03.2015

Dies ist die zweite Einzelausstellung, neben drei Gruppenausstellungen von Reinhold Adscheid in der Galerie Display.

Und diesmal stellt er sich für die gezeigten Werke nächtens vor Tankstellen, fotografiert diese und es entstehen auf zweidimensionale Flächen gebannte dreidimensionale Lichtskulpturen, in denen sich der Betrachter in einer vierdimensionale Raum-Zeit-Blase wie in einem Raumschiff wieder findet. Diesen faszinierenden Prozess entfacht Reinhold Adscheid, promovierter Teilchenphysiker und Astrophysiker, nicht ohne philosophischen Hintersinn.

Immer ausgereifter entwickelt er dabei eine spezielle Technik der Mehrfachablichtung vor dem Hintergrund seiner selbstgestellten Frage: Wie sähe die Welt aus, wenn wir sie aus verschiedenen Positionen in Zeit und / oder Raum gleichzeitig sehen könnten?

Warum „Tankstellen bei Nacht“ , um sich dieser Frage anzunähern? Aus dem dunklen Meer der Nacht erwachsen diese Lichtskulpturen als wärmende Inseln und strahlende Ruhepunkte. Dabei imaginieren sie unsichtbar die Unrast, Geschwindigkeit, Hektik der Strasse. Der rasende Autofahrer wird von zusammenfliessenden Lichtschalen angelockt, die in einigen Werken gleich einem Haifisch ihr Riesenmaul aufsperren. Er rollt ein und stoppt, um aufzutanken, einen Kaffee zu trinken, Nachrichten auf dem „mobile“ zu checken oder für einige Minuten durch eine neue virtuelle Wirklichkeit zu reisen.

Tankstellen bei Nacht sind statisch ruhende Lichtskulpturen, die dem Nachtschwärmer mannigfache Funktionen der Mobilmachung bieten. Dabei wirken die Lichtwerke selbst wie schillernde Nachtschwärmer. Unter dem Lichtdach erfährt der rastende Autofahrer, durch den Stillstand des Automobils immobil geworden, das Phänomen maximaler körperlicher und geistiger Beweglichkeit, so wie wir uns in dem Moment höchster automobiler Mobilität bereits unserer körperlichen und geistigen Unbeweglichkeit nähern müssen. Diese Dialektik als Hin und Her zwischen Mobilität und Immobilität integriert körperliche und mentale Bewegung. Es entsteht ein Spannungszustand zwischen diesen beiden Vorgängen. Der an der Tankstelle anhaltende Autofahrer hat, aufgrund der Entwicklung einer zunehmenden Netzwerkgesellschaft, einen immer grösser werdenden Handlungsspielraum an Entscheidungsmöglichkeiten. Im Moment der Nichtbewegung kann ein Mensch mental höchst beweglich sein. So wie der rasende Porschefahrer mit 180 km/h zwar schnell, aber kontinuierlich konzentriert auf Gefahrensituationen achten muss und mental einspurig eingeschränkt auf dem Weg sein kann.

Dies alles und viele Gedankenspiele mehr bieten „profane“ Tankstellen derart in Lichtskulptur gesetzt wie in den „Nachtschwärmern“. Denn alle Bewegung fliesst als maximale Möglichkeit von Mobilität – Immobilität gleichzeitig in einem Punkt zusammen. Die vierdimensionale Raum-Zeitblase leuchtet weit die Zukunft aus.

Text: Martina Schleppinghoff

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